ANZIEHENDES LUSTOBJEKT

Schon mal einen Orgasmus im Fuß gehabt?

M. schwebt mit verdrehtem Blick in mein Zimmer, als hätte sie gerade Trüffeltörtchen an Richard Gere verfüttert. Dabei wurde sie nur im Schuhgeschäft ihres Vertrauens ein halbes Monatssalär los. Ja, sie ist eben nicht so selten – jene Spezies Mensch, die behauptet: „Schuhe sind besser als Sex“. Wie etwa Madonna, die angesichts einer Visite bei ihrem Lieblingsschuster Manolo Blahnik hauchte: „Wonderful, they last longer than sex.“

Golser Schuhe

Zweifellos gilt adäquate Fußbekleidung – vom rassigen High Heel zum dominanten Stiefel – als anziehendes Lustobjekt. Für viele Frauen ist der Schuhkauf eine
hochinteressante Alternative zum Geschlechtsakt. Kaum betreten sie das Reich von Sandalette und Stiletto, schwinden die Sinne samt Kontostand. Wissenschaftliche Erklärung dafür gibt es so gut wie keine. Ein wenig hilfreich könnte allenfalls die Entdeckung von Neurologen sein, die da besagt: Im menschlichen Gehirn liegen die Bereiche für Füße und Genitalien nah beinander.

Als Frau mit Gesundheitsbewusstsein…

…halte ich den orthopädischen Wert von Mokassins und Birkenstocks zweifellos für unantastbar. Aber, ich bin mir sicher: auch Füße haben ein Recht auf ein Doppelleben zwischen Heiliger und Hure. Jenseits von Hallux und Ischiasproblemen. Jenseits aller Vernunft. Tagsüber darf überlastetes Fußwerk durchaus im venenfreundlichen Bette ruhen. Doch spätestens zum tête-à-tête mit dem Aktuellen geht es ab in sogenannte fuck-me-shoes und hinauf in Schwindel erregende Stöckel-Werke. Um 10 bis gar 15 Zentimeter erhöht, lassen Ladys schon mal gerne das innere Weib aufleben. Kein Wunder, dass die meisten Männer in einen Testosteron-Taumel kippen, wenn Riemchen und Schnallen den Blick fesseln.

„Frauen durchstöbern die Welt nach Schuhen, die ihr Herz begehrt, Männer fallen ihnen zu Füßen“, hieß es in der Vogue. Vor allem Stilettos wirken ohne Verzögerung auf das männliche Lust-Zentrum. Da meine ich jetzt gar nicht den Schuhfetischisten, der schon in Ekstase gerät, wenn er den Abend mit nichts als einem Paar hochhackigen Lackstiefeln verbringen darf. Das Schuh-Signal wirkt auf jedermann, weil es Frauen verwandelt. Straighte Vorstands-Sekretärinnen mutieren zu hüftschwingenden femmes fatales, die führen und verführen. Schlurfende Wesen werden zu lustwandelnden Sex-Göttinnen – deren Körper gespannter, deren Rückgrat und Beine unendlich länger erscheinen. Wer wogt abblickt statt hinaufschaut, gerät in einen Zustand purer Sünde. Es ist mit hohen Absätzen unmöglich, geduckt herumzuschleichen. Außerdem stellen – angenehmer Nebeneffekt – „Stöckelschuhe den Hintern auf ein Podest, wo er auch hingehört“, wie Top-Model Veronica Webb konstatierte. Messungen haben ergeben, dass die Po-Wölbung im Durchschnitt um 25 Prozent zunimmt, sobald Damen auf High Heels verkehren.

Symbolisch steht das alles für offensive, ungezogene Erotik – der Sexualforscher Alfred Kinsey interpretierte den fast zur Vertikalen gestreckten Fuß als klares Signal weiblicher Erregung. Mit der Schuhhöhe steigt das Gefühl von Dominanz und Macht. Fetischisten verbinden Stöckelschuhe oft mit dem Bild der phallischen Frau – eine pikante Mischung aus extremer Weiblichkeit und starker Männlichkeit – die ihr Fußwerk gleichermaßen als Symbol der Liebe wie auch der Herrschaft gekonnt einzusetzen weiß. Und schon sind devote Männerfantasien schier grenzenlos. Ein Schuh spricht, raffiniert eingesetzt, eine klare Sprache. Folge mir, ließen sich vor 1000 Jahren römische Kurtisanen spiegelverkehrt in die Sohlen ihrer Sandalen einarbeiten, auf dass im Straßenstaub die Verlockung lesbar sein möge. Heute sind’s wohl Zauberworte wie Prada oder Sergio Rossi.

[Autor: Gabriele Kuhn, erschienen im Magazin „FREIZEIT“]

Mex Wieshofer
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